Kampagne von
X-tausendmal quer
und KURVE Wustrow

Unsere Ziele waren Leben vor das Tor des Erkundungsbergwerkes zu bringen, möglichst viele Autos aufzuhalten und Präsenz zu zeigen. Nach unzähligen Treffen in der Schulpause war es nun endlich soweit. Um 12 Uhr wurden wir und unser Material (Tapeziertische, Klamottenspenden, Getränke usw.) von der Schule abgeholt und nach Gorleben gebracht. Dort erwartete uns neben der strahlenden
Septembersonne auch die Polizei.

Diese begrüßte uns und lernte mich, den Polizeikontakt kennen. Von 13-14 Uhr wollten wir uns auf die Sitzblockade konzentrieren, da in dieser Stunde der planmäßige Schichtwechsel stattfinden sollte. Also luden wir unsere Sachen auf dem Salinasgelände aus und machten uns auf den Weg zu Tor 1 und 2.

Noch im Gehen kam ein Auto vom Endlager aus auf uns zu. Also setzten wir uns in einer Kette auf die Straße. Der Fahrer des Autos stieg ziemlich aggressiv aus und redete auf uns ein. Wir versuchten beruhigend zu wirken, indem wir uns bei ihm als Mensch entschuldigten, ihm aber trotzdem klarmachten, warum wir dort saßen. Nachdem noch zwei weiter Autos kamen, wendete der erste Fahrer seinen Wagen, was ihm die anderen gleichtaten. Deshalb standen wir wieder auf und gingen weiter auf das Erkundungsbergwerk zu.

Wie wir es geplant hatten, setzten wir uns auf die die Gabelung der Zufahrtstraße in Richtung der Tore 1 und 2. Weil wir so ein ganz schönes Problem für die herauskommenden Fahrzeuge waren, wurden diese auf den linken Schotterweg umgeleitet und konnten durch den Wald wegfahren. So war ein Teil unseres Ziels erreicht: (nur) wegen 10 Schülern mussten viele Fahrzeuge einen großen Umweg machen.

Trotzdem wollten wir uns damit nicht zufrieden geben, also entschied ich mich mit drei anderen, mich auf den Schotterweg zu setzen, der zum „Notausgang“ für die Fahrzeuge
geworden war. Deshalb wurde Tor 1 geschlossen. Als Tor 2 geöffnet wurde, wechselten wir auf den anderen (rechten) Schotterweg. Dadurch, dass wir klarmachten, dass wir flexibel sind und immer genau dort waren, wo die Autos gerade rausfahren wollten, merkten die Zuständigen wohl, dass sie den Verkehr nicht mehr durch die beiden Haupttore leiten konnten und öffneten eins der hinteren Tore. Das Gefühl „im Weg zu sein“ war toll.
Wir vier gingen dann zu einem der hinteren Tore. Kurz bevor wir bei Tor 4 (Schiebetor) ankamen, sahen wir, dass dort Autos rausfuhren. Der erste Gedanke war, sofort dorthin zu rennen, doch wir wussten, dass Rennen schnell aggressiv wirken kann, was wir nicht wollten.

Also gingen wir ruhig, aber bestimmt auf das Tor zu, mit der Erwartung, dass es sich sowieso gleich schließen würde. Doch als wie beim Tor ankamen, war es erst zu ca. 1/5 geschlossen. Also stellten wir uns dazwischen, nicht etwa um einzutreten, sondern um es offen zu halten, damit dort Fahrzeuge rausfahren wollen, die wir dann blockieren können. Und: Das Tor blieb sogar stehen. Deshalb setzten wir uns dort, wo wir standen, im halboffenen Tor auf die Erde.

Als dann ein Auto vom Parkplatz im Gelände kam, dachten wir, es würde eine andere Ausfahrt nutzen, doch es fuhr direkt auf uns zu. Es war ein sehr bedrohliches Gefühl, weil man nicht wusste, ob es wirklich anhalten würde. Das tat es zum Glück. doch nur ca. 30 cm vor uns. Aus dem Auto stieg ein freundlicher Herr, der uns erklärte, wie dringend er nach Hause muss. Wieder erzählten wir ihm unsere Ansichten. Nach und nach kamen immer mehr Autos, die sich hinter dem ersten stauten. Ein Sicherheitsmann von Tor 5 und ein Pförtner (o.ä.) stießen zu dem blockierten Familienvater. Sie wirkten ziemlich ratlos und sprachen mehrmals darüber, wann „die da oben“ denn endlich mal eine Anweisungen gaben. Nach ca. 10 Minuten, als sich schon 15 Autos vor uns vier Jugendlichen staute, kam die Polizei. Ein Polizist sagte seinen Namen und stellte einige Fragen, die nicht besonders sachlich und fast schon störend waren. Doch die Antworten auf Fragen „ lernt ihr so was in der Schule?“ hatten wir parat.

Irgendwann wendeten die Autos und fuhren aus einem anderen Tor hinaus. Irgendwie war das sinnbildlich: Sie mussten den Rückwärtsgang einlegen und einsehen, dass es auf diesem Weg nicht mehr weiter geht. Als die Polizei in ihr Auto stieg, verabschiedeten wir uns freundlich von ihnen und gingen weiter zu Tor 5, was nicht wie Tor 4 automatisch war, sondern von einem Wachmann auf- und zugemacht wurde. Mit diesem diskutierten wir ein wenig, konnten aber kein Auto aufhalten, das diese zu einem anderen Tor fuhren.

Als wir gerade überlegten, was wir nun tun sollten, hörten wir Lärm von Tor 4. Dort hatte sich ein Motorradfahrer einem Transporter in den Weg gestellt, dessen Fahrer ständig gegen das Vorderrad des Motorrads fuhr. Da wir wirklich Angst um den Fahrer hatten, warfen wir unsere Vorsätze über Bord und rannten zu Tor 4. Wir dachten „ gegen das Fahrzeug kann er fahren, doch mit unseren Körpern können wir ihn zum Stehen bringen“. Also setzten wir uns vor das Tor. Der Transporter schaffte es noch wegzufahren, aber die drei bis vier Autos dahinter mussten stehen bleiben. Womit wir nicht gerechnet hatten, waren die zwei älteren Herren, die nun mit aggressiven Gesten und Geschrei aus ihren noblen Autos ausstiegen und auf uns zugestürmt kamen. In diesem Moment hatten wir schon etwas Angst. Der eine betonte zwar immer, dass er einem kleinen Mädchen nichts tun wolle, aber seine offensive Art und Gestik ließen etwas anderes vermuten. Der andere Mann drohte einer von uns mit einer Ohrfeige und zog sie dann von dem Weg. Wir betonten ständig, dass sie das nicht dürfen und dass das die Aufgabe der Polizei sei. Ich habe mich in dem Moment sehr machtlos gefühlt, da die Polizei erst sehr spät kam und eingriff. Die Polizisten wiesen die Männer zurecht. Diese konnten dann zwischen uns durch fahren. Nach einer kurzen Unterhaltung mit mir verschwanden die Polizisten wieder.

Für eine Weile standen wir ratlos vor Tor 4. Wir wussten nicht genau, ob wir hinten bleiben oder wieder nach vorne gehen sollten. Dann kam wieder ein Polizeiauto und ein mir schon
bekannter Polizist mit Gefolge stieg aus.

Es folgte eine lange Diskussion zwischen ihm und mir, weil ich ja der Polizeikontakt war. Das sah er aber leider nicht ganz ein und machte mich verbal zu der Versammlungsleiterin. Immer wieder versuchte ich ihn davon zu überzeugen, dass ich nur für die Kommunikation zwischen Polizei und Aktivisten zuständig war. Er übte starken Druck auf mich aus und erzählte mir, was wir hier alles verbrochen hatten. Das reichte von Nötigung bis Freiheitsberaubung, ganz entscheiden konnte er sich nicht. Deshalb verwies er immer, wenn ich gegen die Vorwürfe argumentierte auf das Gericht. Ich hatte das Gefühl, dass er mich als Mensch angreifen und schwach machen wollte. Ich habe so gut wie möglich versucht, mich mit Worten dagegen zu wehren, was im Nachhinein sehr anstrengend war.

Als wir mit unserem Gespräch fertig waren, zogen sich die Polizisten zu ihrem Auto zurück, stiegen jedoch nicht ein und besprachen etwas. Da wir uns erstmal von der Diskussion erholen mussten, waren wir still und hörten ihnen zu. Wir schnappten Worte wie „LKW“ und „dann müssen wir noch auf die Erlaubnis warten“ auf. Wir schlossen daraus, dass sie LKWs aus dem Gelände rausleiten und höchstwahrscheinlich vorne räumen wollen. Das sagten wir übers Telefon unseren Mitaktivisten, die die ganze Zeit vor den Haupttoren ausgeharrt hatten. Um ihnen zu helfen gingen wir mit unserem Unterstützer von gorleben365 nach vorne. Dort wurde uns erzählt, dass zwei LKWs versucht hatten, über einen Schotterweg und durch den Wald wegzufahren und dass sich einige von uns davor gesetzt hatten.

Dort sind wir dann zu zweit hingegangen, um die fünf, die dort saßen, zu unterstützen. Wir wurden von einem Lied aus der Schule empfangen, was noch mal verdeutlichte, was wir dort eigentlich machten: Wir, sieben Schüler, blockierten zwei riesige Zugmaschinen, die, hinter einer Wand von Polizisten, seltsam verrenkt im Wald standen. Als wir zwei Nachzügler uns dazu setzten, wiederholte der Einsatzleiter die 1.Aufforderung. Die 2. und 3. Aufforderung wurden von unseren Widerstandsliedern übertönt. Nachdem drei von uns aufstanden, weil sie nicht geräumt werden wollten, saßen wir noch zu viert da. Jeweils zwei Polizisten kamen auf uns zu und fragten freundlich, ob sie uns tragen dürften. Ich erlaubte es ihnen und sie setzten mich ein paar Meter vom Weg entfernt auf der Erde ab.

Dann stellten sie unsere Personalien fest und als sie sich über die komischen wendländischen Ortsnamen lustig machten, erklärte ich ihnen, dass im Wendland alles klein ist, außer der Widerstand.

Als alle Kinderreisepässe sorgfältig abgeschrieben waren, wollte mich der Einsatzleiter sprechen. Er fing dann wieder damit an, dass ich die Verantwortliche für die ganze Aktion sei. Ruhig erklärte ich ihm, dass ich das nicht bin, was er nicht einsehen wollte. Er sagte mir, dass ich von der Polizei dazu ernannt worden sei. Auf meinen Einwurf „ene mene miste...“, antwortete er: „ ja so könnten wir das auch machen“. Nach einem ewigen Hin und Her sagte ich: „ Ich bin nicht die Versammlungsleiterin und auch nicht Verantwortliche für die ganze Aktion. Ich bin verantwortlich für mich, genauso, wie alle anderen auch für sich und ihren Körper verantwortlich sind. Auf Wiedersehen“.

Und dann machten wir uns auf den Weg in Richtung Tauschflohmarkt, den die anderen mittlerweile auf der Kreuzung vor den Haupttoren aufgebaut hatten. Es war ein schönes Gefühl anzukommen, zwischen Bergen von Klamotten und waffelessenden Menschen. Leider kamen nicht so viele Leute wie gehofft, aber es war auch unter uns Aktivisten, Unterstützer/Innen und ca. 5 Gästen ein schöner Flohmarkt. Wir hatten unsere eigene Blockadewährung, die man an der Kasse im Tausch gegen seine mitgebrachten Klamotten bekam. Mit den kleinen gelben Scheinen konnte man sich dann andere Klamotten „kaufen“.

Nachdem wir ein Gruppenfoto gemacht hatten, blieben wir einfach sitzen und sangen irgendwelche Lieder. Danach malten wir mit Straßenmalkreide und spiegelten die Sonne, die am Himmel stand, unzählige Male in Anti-Atom-Art auf dem Asphalt.

Für die Modenschau zogen wir uns alle irgendwelche übrig gebliebenen Klamotten an und liefen in einer langen Reihe von unserem Lager bis zu Tor 2. Damit wir auf einem Laufsteg modeln konnten, bekamen die Unterstützer/Innen einen ganz neuen Aufgabenbereich: Sie durften Teppiche vor uns hinlegen und sie, sobald wir drüber gelaufen waren, wieder nach vorne bringen. Beim Tor angekommen, entstanden Tussi-Küsschen-Fotos vorm Panoramahintergrund mit Förderturm. Als Andenken woben wir durch die Streben des Tores einen hässlichen, knallbunten Schal.

Nach der Modenschau machten wir eine Abschlussrunde, die noch mal verdeutlichte, wie schön alle diese Aktion fanden. Am Ende dieses Tages hatte man das Gefühl, etwas Großes geschafft zu haben. Jede/r hat das gemacht, was er/sie am besten kann und jede/r hat seinen/ihren Aufgabenbereich so gut erfüllt, dass es eine unglaublich tolle, bunte, ausgeflippte, jugendliche, lebendige, effektive, großartige, phantastische, verrückte, wundervolle, nach Waffeln und Spätsommer duftende Aktion werden konnte.

Wir kommen wieder.

Clara Tempel, Jeetzel, 15 Jahre, 10. Klasse, Freie Schule Hitzacker für die Aktivisten.

Tauschflohmarkt

Pressemitteilung 20.09.2011