Kampagne von
X-tausendmal quer
und KURVE Wustrow

Ein Teil des Komitees trifft sich zur Nachbereitung:

Antjetanna:
Viel Kerzenlicht in Pausentüten und auf Lüstern, Feuertonnen mit eingeflextem "PoetrySlam" und ein wärmendes Lagerfeuer in der Mitte, um dieses herum warm eingemummelte Menschen im Kreis auf Stühlen und Strohballen sitzend, warmen Punsch trinkend und Atomkraft-nein-Danke-Waffeln vom Feuerfaß schmausend : eine ländlich poetische Atmosphäre vor dem Schwarzbau bei Gorleben mit Scheinwerferhintergrund und Ashaltcharme und andächtig lauschenden Polizisten.

In diesem Ambiente mit ca. 50 Menschen, von denen 15 etwas lasen, vortrugen, sangen und musizierten (Doro an der Zieharmonika, Mascha an der Gitarre, Anny a capella). Die Texte bezogen sich zum Teil auf Gorleben. Gelesen wurden Gedichte (Frank, Tao), Liebesgedichte, Tannas Ängste und Sorgen und tiefe Gefühle der Sicherheit, sowie Reisetagebücher (Tao, der sehr wohltuend moderierte), das stets wiederkehrende, gesprochen wie gerufen und gesungene Gedicht über Brot (Wall), eine Absage an den Castor aus persönlichen Gründen (Antje), "Popcorn, Wasserwerfer und Hubschrauber" (Dieter), "Ausdiskutieren", ein Sprachspiel (von Mascha), Ballade "Marionettenspiel" (Camilla), politische Eindrücke (Wolf) und diverse spontane Witze (Finn, Carsten, Antje).

Ein Bericht über die Schönheit La Hagues (Marion) gewann durch Publikumsentscheid. Dieser Siegerinnentext stellen wir hiermit vor:

La Hague-Gorleben /Marion

In Frankreich ("Fronkraisch", sagt Marion, während sie Antje diktiert...) geboren, ich wohne im Wendland. Und wenn der Castor kommt, werde ich nostalgisch. Ich erinnere mich an La Hague, an die Spitze der Manche, einem kleinem Landkreis, dem Wendland nicht unähnlich. Drumherum das Meer, schäumend, grün, kalt, sich brechend, auf die steinerne Küste. Hohe Felsen, wenige rauhe Gräser und kleine Buchten versteckt, eine Oase für Vögel, die sich dort zu Hunderten sammeln zum Nisten und Fischen.
Ich ging dort gerne spazieren. Wir waren eine nette Clique und oft dort nach der Schule. Dort in dieser rauhen Natur fühlten wir uns frei. Der Wind, die Strände voller Muscheln, der Sand. Dort haben wir gelacht und gespielt, uns geküßt und geträumt von der weiten Welt, den Blick auf das Meer.

Unheimlich war nur eine Stelle, eine recht enge Stelle entlang eines hohen Zaunes. Dieser Zaun war unheimlich, so hoch, so scharf. NATO-Draht. Damals hatte ich keinen Namen dafür. Krokodilzaun, der die Kleidung zerschnitt, wenn einer ihn streifte. Der Weg führte eng oben am Felsen entlang, unten eine Art Fabrik. Modern, hässlich, rauchend und irgendwie fehl am Platz in dieser Wildnis. Wie ein häßlicher Pickel, entzündet, eitrig in einem schönen Gesicht. Nie hätten wir vermutet, was dort abging! Ein bisschen südlich, Barfleur. Eine Perle der Küste, ein süßes Fischerdörflein mit seinem kleinen Hafen, wo Fischkutter in bunten Farben ankern. Hier ißt man Fisch noch frisch vom Fang, zappelnd und glänzend, verstrahlt, sicher. Wir gingen oft dort chic essen, am Sonntag. Spazieren auf den Kais. Rochen mit crème fraîche und Kapern war mein Lieblinggericht. Rochen gibt es nicht mehr, seitdem das Meer etwas wärmer geworden ist. Das liegt an der Strömung, die die Küste streift von La Hague bis in die Bucht des Mont St. Michel, eine der sieben Weltwunder. Es ist sicher schön für die Badestrände. Früher war das Meer immer so kalt! Überraschenderweise ist vor allem im Norden, also nah Cherbourg, La Hague, wärmer. Im Süden weniger. Aber sicher, es wird noch! In Granville, die Therme. Rehakur am Meer. In Coutances lebte meine Mutter; mit 49 an Krebs gestorben. Es kam so plötzlich. Keine Erklärung. Sowas kann passieren, einfach. Mehr Leukämie als woanders? Naja, Zufall, ist auch nur eine Krankheit wie andere. Wie Krebs. Ach, ja. La Hague. Gorleben. Auch so schön, in den Wälder versteckt, voller Wildheit und Geheimnisse. Bis auf diesen einen Zaun. Wieder ein Zaun, so hoch, so scharf...